Neulich in Nikosia - Beobachtungen betreffs "Misshandlung"
Selimiye-Moschee Nikosia - gotisches Portal und Minarett
Neulich in Nikosia

 

In den Tagen vor unserer Abreise überhäuften sich die Nachrichten: Eine Vulkanwolke legt den Flugverkehr lahm (wird es zu unserer Reise überhaupt kommen?) Griechenland steht vor dem Staatsbankrott – wie werden wir es auf Zypern finden, das zwar ein eigenes Land ist, aber immerhin auch zur griechischen Welt gehört? Aus einer Ölquelle dringen 800.000 Liter ins Meer – pro Tag. Der mächtigste Mann der Welt begibt sich vor Ort und kann nur mit den Achseln zucken. Und zuletzt: Medien im Inland und Kritik aus den eigenen Reihen zwingen einen deutschen Bischof zum Rücktritt – er hatte in vergangenen Jahrzehnten „Watschen verteilt“ und sie jetzt abgestritten.

 

Die Selimiye-Moschee in Nord-Nikosia war eines unserer Ziele. Sie ist leicht zu finden, ihre zwei Minarette überragen die Altstadt. Der Gang über die Grenze erinnert mit Stacheldraht, Mauern, Fässern und Sandsäcken ein Bisschen an das geteilte Berlin – die Absperrungen zwischen dem griechischen und türkischen Stadtkern Nikosias scheinen eine Spielzeugausgabe der Berliner Mauer zu sein. Doch einzelne bewaffnete Posten zeigen, dass hier noch bitterer Ernst herrscht. Wir Ausländer kommen aber ohne Probleme in den seit 1974 türkisch besetzten Norden der Stadt und der Insel hinüber.

 

Der Anblick der Selimiye-Moschee lässt mir den Atem stocken, obwohl ich durch Fotos vorbereitet bin. Aus dem Gewusel der orientalischen Markttätigkeit ringsum ragt ein altehrwürdiges Gemäuer auf, das man eher in Paris oder Nantes vermuten würde. Die Wappen über den Spitzbögen muten an wie das, was sie sind – Insignien mitteleuropäischer Herrscherhäuser. Die Fassade dieser ehemaligen Sophienkirche ist ein Musterstück französischer Gotik. Durch die fehlenden Türme, auf deren Stümpfen die für diesen Bau zu dünnen Minarette stehen, wirkt das Ganze unfertig. Die osmanischen Eroberer Zyperns wandelten diese Kirche im 16. Jahrhundert in eine Moschee um.

 

Hinter der Moschee bieten Bäume Schatten und ein Café serviert den bestellten Frappé und den frisch gepressten Orangensaft. Die wenigen anderen Gäste sind türkische Frauen, unverschleiert, wie die meisten in Nikosia. Zu wem gehören die Mädchen da an dem Bordstein der Rasenfläche? Fünf oder sechs reihen sich kerzengerade auf, das siebente steht ihnen wenige Schritte gegenüber. Es sagt: Oturun! (Setzt euch!) Alle setzen sich in einer einheitlichen Bewegung nach unten auf den Bordstein, auch die, die noch viel zu jung sind, um eingeschult zu sein. Kalkın! (Steht auf!) Alle erheben sich, mit der Einheitlichkeit, die man von einem Ballett erwarten würde. Doch die „Lehrerin“, vielleicht elf Jahre alt und mit das älteste Kind hier, scheint nicht zufrieden. Sie lässt die „Schüler“ noch mehrfach aufstehen und absitzen.

Nun wird abgehört. Die Kleinen treten einzeln vor und sagen Sachen auf, dann treten sie zurück in die Reihe, die unverändert Paradequalität besitzt.

Lehrerwechsel. Ist jetzt ein anderes Fach dran? Erneutes Aufstehen und Setzen, erneute Befragung. Etwas scheint jetzt nicht recht zu sein, denn die „Lehrerin“ greift bald zum hinter ihr auf dem Pflaster liegenden Stock. Sie artikuliert Einwände und das vorgetretene Mädchen streckt jetzt Arm und Hand aus – und erhält einen Hieb auf die Handfläche mit dem freilich kurz vor dem Aufschlag abgebremsten Stock. Auch das nächste Mädchen, das vortritt, scheint Grund zu Beanstandung zu liefern, denn auch es soll nach kurzer Befragung den Stock zu spüren bekommen. Doch hält das Kind den Arm zu schief nach unten (wie auch wir es in den 50er Jahren instinktiv taten, um dem Schlag im letzten Moment ausweichen zu können). Der „Lehrerin“ entgeht der Trick jedoch nicht, sie bewegt den Stock unter die Hand und hebt sie, bis Unterarm und Handfläche parallel zum Boden sind bzw. rechtwinklig zum Körper – ein Ritual, das offenbar einmal universelle Geltung hatte, wenn es denn in Nikosia heute noch gekannt wird und auch in meinem Hinterbergheim noch in die Neunzehnhundertsechziger Jahre hinein gepflegt wurde. Erst nach der „Richtigstellung“ erfolgt der abgebremste Hieb.

Das übernächste Mädchen entgeht den Tatzen, da Hilfe von außen kommt: Zwei Buben auf einem Fahrrad dringen mitten ins „Klassenzimmer“ und verursachen ein furchtbares Durcheinander von Stimmen und Personen. Die „Lehrerin“ und die ihr durchaus zur Seite stehenden „Schülerinnen“ werden der Eindringlinge und Spielverderber nicht Herr. Die Mütter werden zu Hilfe gerufen – es sind doch die, die hier an den Tischen sitzen. Sie können aber den Frieden nicht mehr herstellen und schicken sich zum Zahlen an.

Harald Noth, im Mai 2010

 

 

Mehr Gotik auf Zypern:

 

 

Bedesten, Nikosia: Hauptportal
Lala-Mustafa-Moschee, Famaguste (ehemalige St.-Nikolaus-Kathedrale)
Fassade der Lala-Mustafa-Moschee, Famagusta

Lala-Mustafa-Moschee

in Famagusta, Zypern

 

Ehemalige St.- Nikolaus-Kathedrale

 

Lala Mustafa Pascha war der osmanische Feldherr und Eroberer Famagustas (1571)

Fassade der

Lala-Mustafa-Moschee

in Famagusta

 

1298 - 1326 unter der französischen Lousignan-Dynastie in gotischem Stil erbaute ehemalige katholische Kirche

Bedesten in Nikosia, Zypern

 

Vermutlich ehemalige Nikolauskirche, mit byzantinischen, gotischen und venezianischen Bauteilen

 

Später orthodoxe Marienkirche

 

Unter der osmanischen Herrschaft Getreidespeicher und Markthalle (Bedesten)

 

 

 

Hauptportal der mutmaßlichen früheren

Nikolauskirche (später: Bedesten)

Bedesten, Nikosia (ehemalige Nikolauskirche)

© Fotos: Harald Noth 2010

 

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